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Paris als Vorreiter: Warum Städte auf Seilbahnen setzen

Sie gleicht einem Skilift, doch Berge sucht man im Süden von Paris vergeblich. Tatsächlich eröffnet am Samstag mit der Câble 1 die erste Stadt-Schweb…

Fakten

  • Die erste Stadt-Schwebebahn der französischen Hauptstadtregion wurde am Samstag in Paris eröffnet.
  • Die Câble 1 ist Europas längste städtische Seilbahn mit einer Länge von 4,5 Kilometern.
  • Die neue Seilbahn soll Vororte im Südosten von Paris mit der Pariser Métro verbinden.
  • Die Gondeln bieten jeweils zehn Sitzplätze und sollen mit einem Abstand von weniger als 30 Sekunden kommen und gehen.
  • Bis zu 1600 Menschen können pro Stunde und in beide Richtungen transportiert werden.
  • Im Dezember werden 11.000 Reisegäste pro Tag erwartet, bis 2030 sollen es 12.000 sein.
  • Die Seilbahn wird mit den üblichen Jahres- oder Monatskarten oder einer Einzelbusfahrkarte bezahlt werden.
  • Das neue Angebot soll vor allem Pendlern nutzen, die eine deutliche Zeitersparnis versprochen werden.
  • Die Gesamtstrecke durch die Luft soll nur noch rund die Hälfte der ursprünglichen Strecke in Anspruch nehmen.
  • An Touristen richtet sich das Angebot weniger, sie ziehen es kaum in die Orte im Departement Val-de-Marne.
  • 90 Mitarbeiter werden angestellt und als Sicherheitspersonal an den Bahnsteigen eingesetzt.
  • Einige von ihnen erhielten eine Ausbildung in den französischen Alpen, wo dieselben Seilbahnen der österreichischen Firma Doppelmayr im Einsatz sind.
  • Steiles Gelände ist auch der übliche Einsatzort von Seilbahnen.
  • In Städten, als Bestandteil des ÖPNV, verkehren Seilbahnen in Europa kaum.
  • In London pendelt eine Seilbahn über die Themse seit den Olympischen Spielen.
  • In Barcelona führen Linien auf den Hausberg und über den Hafen.
  • Die Hälfte der rund 200 Anlagen in Bayerns Bergregionen stehen in Deutschland.
  • In deutschen Städten selbst gibt es dagegen nur zwei Seilbahnen: In Berlin fahren die Kabinen zu der Parkanlage Gärten der Welt, in Koblenz zur Festung Ehrenbreitstein auf der anderen Rheinseite.
  • Seilbahnprojekte in Deutschland sind immer wieder begraben worden.
  • In Heilbronn soll eine Seilbahn vom Hauptbahnhof in den Norden der Stadt führen.
  • Die Seilbahn soll in 14 Minuten über 4,7 Kilometer und fünf Stationen führen.
  • Oberbürgermeister Harry Mergel spricht von einer Vorreiterrolle und Heilbronn als 'Zukunftsstadt'.
  • Der Vergleich von mehr als 15 Alternativen war entscheidend für die Planung der Seilbahn.
  • Die Erweiterung des bestehenden Stadtbahnnetzes zum KI-Campus gilt als zu teuer und aufwendig.
  • Busse bräuchten länger und könnten nicht so viele Menschen transportieren.
  • Für die Seilbahn spricht, dass sie keine Emissionen ausstößt und mit Ökostrom betrieben werden kann.
  • Die Gondeln können über den Verkehr und Staus hinwegschweben, die Unfallgefahr ist gering.
  • Seilbahnen sind in Europa dagegen kaum als Bestandteil des ÖPNV zu finden.
  • In Südamerika sticht vor allem Boliviens Regierungssitz La Paz hervor, wo mehr als ein Dutzend Städte auf Gondelverkehr setzen.
  • La Paz besitzt mit insgesamt mehr als 30 Kilometern das größte urbane Seilbahnnetz der Welt.
  • Mi Teleférico transportiert täglich mehr als 300.000 Passagiere auf zehn Linien und prägt mit seinen bunten Gondeln das Stadtbild.
  • Bogotá, Hauptstadt von Kolumbien, führte die 'TransMiCable' 2018 ein, um Bewohner eines Hangviertels besser anzubinden.
  • Die Seilbahn verbindet den Außenbezirk nun mit dem Schnellbussystem, die vormals oft einstündige Fahrt ins Tal verkürzt sich auf 16 Minuten.
  • Einer Studie zufolge verbesserte sich der Ruf des abgehängten Viertels dank der Seilbahn, die nun auch Touristen anzieht.
  • Weitere Seilbahnen verkehren in Mexiko-Stadt, Rio de Janeiro oder Venezuelas Hauptstadt Caracas.
  • Vorreiter war 2004 das kolumbianische Medellin.
  • Seilbahnen in Südamerika sollen nicht nur Höhen von teils tausend Metern, sondern auch soziale Ungleichheiten überbrücken sollen.
  • In Europa geht es vor allem um touristische Zwecke.
  • Dank der aufgeständerten Fahrwege benötigen Seilbahnen verhältnismäßig wenig Platz.
  • Seilbahnen verbrauchen weniger Fläche als S- oder U-Bahnen und können einfacher installiert werden.
  • Auch der geräuscharme, automatisierte Betrieb ist ein Vorteil.
  • Bauzeiten und Kosten sind geringer als bei herkömmlichen Verkehrsmitteln.
  • Dennoch kommen Seilbahnen nicht an die Passagierzahlen einer gut ausgelasteten U-Bahn oder Straßenbahn heran.
  • In Heilbronn sollen etwa 1500 Passagiere pro Stunde und Richtung transportiert werden, für die Zwecke der Stadt ist das ausreichend.
  • Vielleicht dürfen es auch nicht weniger sein.
  • In der niederbayerischen Kleinstadt Kehlheim scheiterte eine viel diskutierte Seilbahnidee – hier sind die erwarteten Nutzerzahlen zu gering, um die Investitions- und Betriebskosten zu rechtfertigen.
  • Seilbahnprojekte in Deutschland immer wieder begraben worden sind.
  • In Hamburg debattierte man über eine 80 Meter hohe Verbindung über die Elbe.
  • Ein Musicalbetreiber wollte so Gäste zu den Spielstätten bringen.
  • In einem Bürgerentscheid votierte eine Mehrheit dagegen.
  • Einerseits störten sich Kritiker an dem kommerziellen Ziel der Bahn, vor allem Musicalgäste zu befördern.
  • Andererseits verändert die weithin sichtbare Seilbahn die Stadtsilhouette – im Hamburger Fall wäre der Blick auf den Hafen ein anderer.
  • Die Attraktivität der Seilbahn, ihre spektakuläre Höhe, ist zugleich auch ein Angriffspunkt.
  • Auch in Wuppertal scheiterte eine Seilbahn an einer Bürgerinitiative.
  • Das könnte auch in Bonn passieren, wo sich Anwohner derzeit gegen ähnlich große Seilbahnpläne wie in Heilbronn wehren.
  • Sie fürchten um ihre Privatsphäre, wenn die Kabinen unweit ihrer Dächer vorbeischweben.
  • Widerstand gab es zunächst auch in Paris.
  • Bei einer Einwohnerbefragung stellten einige die Millioneninvestition infrage – Geld, das in ihren Augen auch in einen besseren Ausbau des klassischen Verkehrsnetzes hätte gesteckt werden können.
  • Ein Anwohnerverein wies auf die befürchtete Lärmbelästigung hin.
  • „Die Schwebebahn wird mit einem Abstand von nur acht Metern an manchen Häusern vorbeifahren, mit einer Kabine alle neun Sekunden von frühmorgens bis spätabends“, sagte einer der Sprecher.
  • Sie befürchteten zudem, dass Fahrgäste aus den Kabinen direkt in die Häuser blicken können.
  • Um Kritiker zu besänftigen, wurden die neuen Installationen bepflanzt.
  • In Europa gehört Paris mit seiner neuen urbanen Seilbahn nun zu den Vorreitern.
  • Wie auch bei anderen neuen ÖPNV-Konzepten braucht es eine erste erfolgreiche Referenzstrecke, damit auch andere Städte ernst machen.
  • In Frankreich gibt es bereits in Toulouse seit 2022 eine städtische Seilbahn, die auf drei Kilometern einen Campus, ein Krankenhaus und eine Universität verbindet.
  • Doch Paris bringt nun eine andere Strahlkraft mit.
  • In Deutschland hoffen Befürworter der Technik auf das Heilbronner Prestigeprojekt, auf die rund 77 geplanten Gondeln, gegen die bislang auch von Bürgerseite keine großen Proteste erhoben wurden.
  • Selbst die Finanzierung scheint gesichert.
  • Das Land Baden-Württemberg übernimmt die Hälfte der Planungskosten von acht Millionen Euro.
  • Zudem gilt eine Förderung über den Bund als aussichtsreich.
  • Im Raum stehen Gesamtkosten von rund 100 Millionen Euro.
  • Das wären weniger als die in Paris veranschlagten 132 Millionen Euro – zugleich wäre die Heilbronner Linie 200 Meter länger und damit die längste in ganz Europa.
  • Ein Superlativ, mit dem die Süddeutschen nicht nur bundesweit, sondern auf dem gesamten Kontinent zum Vorreiter würden.